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WENN DER BLICK IN DEN SPIEGEL QUÄLT

Von Martina Reims, Kölner Stadtanzeiger, 04.02.02

Immer mehr Menschen suchen krankhaft nach einem Makel in ihrem Aussehen

Menschen, die am so genannten dysmorphologischen Sydrom leiden, bilden sich ein, hässlich zu sein. Mit Schönheits- oder Jugendwahn hat das selten etwas zu tun.

Verzweifelt blicken viele Menschen täglich mehrfach in den Spiegel, um einen für sie schwerwiegenden Makel zu entdecken. Und sie finden immer etwas! Oft ist es für Außenstehende eine kaum oder gar nicht wahrnehmbare Krümmung der Nase oder eine ungleichmäßige Wölbung der Augenbrauen, doch stürzt sie manche Menschen in scheinbar tiefste Krisen ihres Lebens. Das so genannte "dysmorphologische Syndrom" wurde erst in den vergangenen Jahren in der Öffentlichkeit bekannt - obwohl es Psychologen seit Jahrzehnten bestens kennen. Heute wird es oft mit Schönheits- und Jugendwahn gleichgesetzt, doch das Problem sitzt nicht an der Oberfläche, sondern weitaus tiefer.

Die Ursachen für diese Störung sind meist sehr ähnlich. So sagt zwar Cindy Jackson, die Frau mit den angeblich meisten Schönheitsoperationen, sie habe immer im Schatten ihrer schöneren Schwester gestanden. Doch dies ist, so vermutet der Kölner Psychologe Dr. Axel Thomas, nur eine weitere Entschuldigung oder ein Platzhalter für das eigentliche Problem: "Diese Menschen sind oft zu sehr auf sich fixiert. Sie haben eine innere Leere, die sie damit zu füllen suchen, dass sie sich zu sehr auf ihre äußere Erscheinung konzentrieren. Wäre diese perfekt, könnte man sich damit nicht beschäftigen, also erfindet man Mäkel." Häufig sind dies Menschen, so Thomas, denen im Leben vieles zu leicht gemacht worden ist. Ihnen sind als Kind oder Erwachsenem die meisten Aufgaben abgenommen worden, und sie mussten sich nie etwas erarbeiten. Sie haben es nie gelernt, sich mit etwas Wesentlichem auseinander zu setzen, also konkretisieren sie sich auf sich selbst.

Ähnlich sieht dies der Kölner Arzt für plastische Chirurgie der "Klinik am Ring", Dr. Rainer Abel-Vallot: "Bei diesen Patienten kreist oft alles um sich selbst. Kommen sie erst mit einer krummen Nase, kehren sie später mit einem anderen Makel wieder. Sie sind derartig auf sich konzentriert, dass sie meist auch nicht zu einer Partnerschaft fähig sind." In der Regel operiert Abel-Vallot diese Menschen nicht! "Denn selbst die Narbe könnte sie später stören, die dann wiederum beseitigt werden müsste."

Da die Krankenkasse solche Eingriffe erst nach einem psychologischen Gutachten und dann nur teilweise übernimmt - wie etwa nach Unfällen oder gesundheitlichen Beeinträchtigungen -, müssten diese Patienten meist selbst tief in die Tasche greifen. Und da sind manche Chirurgen skrupellos. "Ich weiß von Personen, die sich wirtschaftlich damit ruiniert haben", so Abel-Vallot. "Und oft sind dysmorphologisch Betroffene gar nicht hässlich, sie bilden sich die Symptome ein. Richtig hässliche Menschen haben sich in der Regel mit ihrem Aussehen arrangiert.

Einen anderen Weg schlägt das Dermatologische Zentrum in Wuppertal ein. Die Praxis arbeitet mit einer psychologischen Gemeinschaft zusammen. Und erst nach einem Gutachten setzt die Dermatologin Dr. Stefanie Hamke mit der Behandlung ein, wobei sie in diesen Fällen grundsätzlich nicht zum Skalpell greift. "Gar nichts machen hält die Patienten dann jedoch nicht ab, zum Nächsten zu laufen, um sich da unters Messer zu legen."

Folgende Methoden zieht sie in jedem Fall in Erwägung: Botollnen-Filler, Hyerloronsäuren-Collagen-Unterspritzungen oder chemische Peelings. Sanfte Lasertherapien werden ebenso eingesetzt. Kommen die Patienten jedoch mit immer neuen "gefundenen Makeln" wieder, bricht die Ärztin die Behandlung ab.

Eine andere Ursache liegt dennoch im mangelndem Selbstbewusstsein. Wie etwa bei Personen, die als Kind vernachlässigt worden sind. Solche Menschen sind in der Regel schüchtern und haben es sich nie zugetraut, verantwortungsvolle Sachen zu bewältigen. Also nehmen sie stellvertretend ihr Aussehen, weil man dies relativ "einfach bearbeiten" kann, nämlich mit Hilfe anderer.

Behutsame Ratschläge erteilt die Psychologin Marcla Germalne Hutchinson in ihrem Buch "Ich bin schön". Sie schlägt zunächst eine Behandlung von außen nach innen vor. Die betroffene Person sollte sich vor den Spiegel stellen und nach mehreren Merkmalen suchen, die sie an sich mag, wie zum Beispiel "ich mag meine Wangen", oder "meine Haltung". Daraufhin sollte man sich zunächst anerkennend ansehen und sich dann mit den angeblich störenden Makeln auseinandersetzen und sich dann selbst sagen: "Ich bin schön, auch wenn dies und das hässlich ist. Ist der Patient dann so weit mit seinem Körper zufrieden, kann er sich seinen inneren Werten widmen.

Schon die griechische Dichterin Sappho sagte seinerzeit: Was schön ist, ist auch gut", oder Francis Bacon meinte im 16. Jahrhundert "verunstaltete Menschen sind ... bar aller natürlichen Zuneigung". Diese Auffassung wird heutzutage durch den Jugend- und Schönheitskult unterstützt. Patienten der Dysmorphologie stürzen ihr Augenmerk erst recht auf die Äußerlichkeiten, weil sie sich damit aufgewertet fühlen und gleichzeitig ihre innere Leere überdeckt wird. In besonders gravierenden Fällen wird anfänglich die Behandlung mit Medikamenten wie trizyklische Antidepressiva (Clomiparin) oder Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (Fluoxetin) unterstützt. Grundsätzlich, so Hutchinson, müssen diese Menschen lernen, dass Schönheit kein Garant für Glück und Zufriedenheit ist. Der Patient ist so sehr mit äußerlichen Unzulänglichkeiten beschäftigt, dass die inneren Entfaltungsmöglichkeiten nicht ausgeschöpft werden können. Der Psychologe Dr. Thomas geht sogar noch weiter. "Diese Menschen müssen völlig weg vom Spiegel kommen und ihrem Leben einen Sinn geben." Darüber hinaus, so Thomas, sehen viele nicht ein, dass man mit den äußerlichen Veränderungen, sprich Operation und Ähnliches, seine individuelle Persönlichkeit, welche einen interessant macht für andere Leute, letztendlich verliert.